Blei-Verlag

Es gibt genügend Aussagen, die die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in einem Atemzug nennen mit Begriffen wie “Hektik”, “Stress” und immer wieder auch mit Warnungen vor einer Entwertung der Werte.

Sicherlich läuft man gerade in einer Zeit des ungeheuerlichen Fortschritts und der Transparenz sozialer Beziehungen Gefahr, als “ewig Gestriger” abgestempelt zu werden, wenn man Gediegenes, Wertbares oder ganz einfach “Schönes” in Erinnerung ruft.

Die Dialektik gesellschaftlicher Vorgänge aber machts möglich: auf die Wucht totaler Medienbeköstigung kontert die Besinnung auf Mangelzustände, der Massenflut leicht verderblicher Literaturware, oft genug als Einwegbuch konzipiert, begegnen Verleger seit geraumer Zeit mit dem Wohlgefühl einer Marktlücke.

Eine solche Nische hat der Verleger und Buchobjekt-Künstler Karl Kretschmer für sich entdeckt, pardon für einen Leser, der Wert legt auf Bücher, die nicht als Kommerzstück oder gar im Zwölferpack zu haben sind.

Karl Kretschmer und sein Blei-Verlag garantieren im doppelten Sinne den Begriff Wertbestand. Zum einen fertigt der Verleger handwerkliche Einzelstücke aus dem Bereich Buch. So setzt er die seinerzeit Aufsehen erregende “Erfindung” des Wiener Mail-Art-Künstlers Hermann Gruber fort, indem er Bücher als statistisches Kunstobjekt dem Betrachter als ungemein lebendig präsentiert.

Immer ist es diesem Leser möglich, aus den zuweilen bizarr anmutenden Exponaten Assoziationen für sich in Anspruch zu nehmen, die über das gestaltete Buch-Objekt hinausreichen, eine Nische schaffen, die zum Verweilen einlädt.

Und ein anderes: Kretschmer hat sich in die Reihe jener Verleger eingefügt, die den Wertbestand von Buch und Text, von Bibliophilie und exquisiter Literatur fortdauern helfen. Als Kleinverlag ist Kretschmers Blei-Verlag kein Unbekannter mehr. Seine bisherigen Editionen stoßen auf vielfältiges Interesse, zumal die Auflagen limitiert und zum Teil signiert sind.

Kretschmer zeigt mit der Herausgabe seiner Bücher vielschichtiges, oft längst verschollen geglaubtes Können.
Die bibliophile Aufmachung, der traditionelle Bleisatz weisen ihn auch als handwerklichen Künstler aus, der zudem noch das Gespür besitzt, Literatur und Bild, Text und Gestaltung zu einer Verbindung zu bringen.

Der dabei entstehende Spannungsbogen bietet auch dem Leser und Betrachterunendlich viele Nischen des Verweilens und Interpretierens.

 

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